In einer Stellungnahme äußert sich der Präsident des deutschen Tierschutzbundes zum Thema Positivliste und Haltungsverbot. Der Wortlaut der Stellungnahme kann hier nachgelesen werden. Die dort gemachten Äußerungen haben mich zu diesem offenen Brief veranlasst.


Sehr geehrter Herr Schröder,

in ihrer Stellungnahme fordern Sie auf, zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren. Dies ist, wenn es ernst gemeint ist, durchaus wünschenswert, allerdings lässt Ihre Stellungnahme zweifeln, ob dies wirklich so ist. Dies fängt schon mit den Begrifflichkeiten an: Als exotisch bezeichnen Sie Tiere, deren Haltung Privatpersonen vor besondere Herausforderungen stellt, sei es durch die Größe, die sie eines Tages erreichen; eine lange Lebensdauer; besondere Fütterungs- oder klimatische Ansprüche oder auf Grund ihrer Gefährlichkeit. Nun gut, auch ein Bernhardiner stellt aufgrund seiner Größe besondere Ansprüche, Pferde verursachen nachweislich jedes Jahr eine Vielzahl von teils tödlichen Unfällen, Windhunde, besonders aus dem spanischen Raum  sind nicht an unsere Winter angepasst und bedürfen zusätzlichen Wetterschutz. Sind dies dann auch Exoten? Wenn ja, warum unterstützt ihr Verband den Import von Windhunde aus Spanien nach Deutschland?

Niemand bestreitet, dass es bei auch bei Reptilien, Kleinsäugern, Fischen und Vögeln Arten gibt, die besondere Sachkenntnis erfordern (Sachkenntnis erfordert übrigens jedes Heimtier!). Warum aber sollen sie dann verboten werden, obwohl es durchaus möglich ist, die entsprechenden Haltungsvorraussetzungen zu schaffen? Übrigens werden in einigen Tierheimen, die ihrem Verband angeschlossen sind, immer noch Kaninchen und Meerschweinchen gemeinsam untergebracht, obwohl wissenschaftliche Erkenntnisse dem entgegenstehen! Auch finde ich immer noch Schilder mit Wüstenrennmäusen in Tierheimen, wenn aber die Mongolische Rennmaus gemeint ist. Müsste aber nicht gerade ihr Verband mit Sachkenntnis vorangehen?

Die Forderung ihrerseits, dass Haltungsbedingungen wissenschaftlich abgesichert werden sollen, ist durchaus begrüßenswert. Zahlreiche seriöse Terrarianer machen dies bereits, denn viele ihrer Erfahrungen werden publiziert und finden in die Wissenschaft Eingang. Ihr Anliegen, dass niederländische Gutachten als positives Beispiel zu sehen, lässt mich jedoch kopfschüttelnd zurück. Wie wollen sie einem Durchschnittsbürger erklären, dass die Haltung von Nerzen einfacher als die von Frettchen ist (erstere dürfen laut niederl. Gutachten frei gehalten werden, letztere nicht). Auf welcher wissenschaftlichen Erkenntnis beruht es, dass Wasserbüffel frei gehalten werden können, Degus aber verboten sind. Die Büffel sind doch sicherlich aufgrund von Größe und Kraft als deutlich schwieriger einzustufen als die tausendfach gut und problemlos gehaltenen südamerikanischen Nager. Man muss schon sehr blauäugig sein, um hierhinter nicht wirtschaftliche Interessen zu vermuten, denn sowohl Nerz als auch Wasserbüffel werden kommerziell genutzt. Ein solches Gutachten soll also Muster sein?

Wissenschaftliche Studien zur Haltung mahne ich selber schon seit Jahren an. Sie müssen aber, um stichhaltig zu sein, mit Ergebnissen aus dem Freiland verglichen werden. Die oft in den Raum gestellte Behauptung, die Tiere leiden in Menschenobhut unter Stress, ist kaum wissenschaftlich belegt. Zudem gebe ich zu bedenken, dass natürlich auch Wildtiere in ihrem Lebensraum massiv unter Stress stehen. Hunger, Fressfeinde, Rivalen, etc. tragen nicht zu einem entspannten Alltag bei. Dennoch scheint in der Argumentation das Wildleben immer ein Paradies zu sein, die Haltung in Menschenobhut hingegen die reinste Hölle. Wer entscheidet denn, welcher Stress besser ist? Zudem sei an dieser Stelle noch erwähnt, dass sicherlich auch zahlreiche Hunde unter erheblichem Stress leiden, weil sie nicht verhaltensgerecht gepflegt werden. Kein Wolf will in einer Handtasche leben! Wo ist ihr offensiver Kampf gegen diese Praxis.

Sie erwähnen zudem, dass es immer wieder Probleme bereitet, beschlagnahmte Tiere unterzubringen. Dies liegt sicher auch daran, dass Privathalter erst gar nicht angefragt werden, obwohl es hier durchaus Unterbringungsmöglichkeiten gäbe, wenn auch nur in begrenztem Maß. Wenn sie zudem erwähnen, dass Tierheim mit den "Exoten" überfordert sind, warum werden die Tiere dann überhaupt aufgenommen? Schließlich gilt das Tierschutzgesetz, welches eine artgrechte Unterbringung verlangt. Warum werden hier nicht Privathalter mit Erfahrung einbezogen?

Nein, ich behaupte nicht, dass unter den Haltern von exotischen Tieren (der Einfachheit halber bleibe ich bei dieser Definition) alles gut läuft. Es gibt durchaus Mißstände, die auch mir aufstoßen. Es gibt aber auch zahlreiche gute Haltungsbeispiele, so wie das eben für jede Tierart gilt, eben auch für Hund und Katze. Wenn man weniger ideologisch an die Sache herangehen würde, könnte man feststellen, dass auch die ernsthaften Halter sehr wohl für Verbesserungen in der Tierhaltung sind. Wenn aber pauschal von Problemen bei Exoten geredet wird und auf deren Unhaltbarheit abgezielt wird, dann ist dies nicht seriös und muss folglich zur Konfrontation führen. Hier wäre also weniger Gepoltere und ein sachlich fundierter Dialog angebracht, dies gilt durchaus für beide Seite. Nahezu jedes Tier ist haltbar, man muss nur die entsprechenden Voraussetzungen schaffen. Ist ein Halter hierzu bereit, dann sollte ihm dies auch ermöglicht werden! Tut er dies nicht, dann darf er kein Tier halten, egal ob Kaninchen, Meerschweinchen oder Schlange!


Mit bestem Gruß

R. Sistermann