Der Graue Steppenlemming (Lagurus lagurus) gehört innerhalb der Ordnung Rodentia zur Unterordnung der Mäuseverwandten (Myomorpha). Dort wird er innerhalb der Familie der Mäuseartigen (Muridae) zur Unterfamilie der Wühlmäuse (Microtinae) gezählt. Anders als sein Name erwarten lässt, gehört der Steppenlemming allerdings nicht zur Gattungsgruppe der Lemminge (Lemmini), sondern zu den echten Wühlmäusen (Microtini). Sein heutiges Verbreitungsgebiet erstreckt sich von der Ukraine über Kasachstan und die Mongolei bis in den Nordwesten Chinas. In diesem natürlichen Lebensraum bewohnt der Steppenlemming hauptsächlich Steppen und Halbwüsten. Bei einem hohen Populationsdruck werden auch Felder und Viehweiden besiedelt. Das Fell des Steppenlemmings ist auf der Oberseite meist grau bis graubraun gefärbt und die Unterseite ist gelblich bis weiß. Auffällig ist ein von der Stirn bis zum Schwanz reichender Aalstrich. Adulte Tiere erreichen eine Größe von 8 bis 12 cm, wobei der Schwanz nur etwa 1 cm groß ist, und ein Gewicht von 15 bis 40g. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Steppenlemmings liegt bei ca. 2 Jahren. In der Natur legen diese Tiere meist zwei Arten von Erdbauten an, zum einen Fluchtbauten, die dicht unter der Erde liegen und zum anderen Wohnhöhlen, die bis zu 90 cm unter die Erde reichen, in der sie sich dann eine Nestkammer einrichten.

Haltung

Bei der Haltung von Steppenlemmingen sollte zunächst bedacht werden, dass sie trotz ihres niedlichen Aussehens keine Knuddel- bzw. Schmusetiere sind und meistens nicht wirklich handzahm werden. Steppenlemminge sind größtenteils nachtaktiv und tagsüber meist nur für wenige Stunden zu sehen. Da sie sehr soziale Tiere sind, sollten Steppenlemminge auf keinen Fall als Einzeltiere gehalten werden. Nichtsdestotrotz sind Steppenlemminge recht einfach zu haltende Haustiere, die gewisse Vorteile gegenüber Hamstern und Mäusen aufzeigen. Von Vorteil ist hier vor allem, dass der Urin des Steppenlemmings kaum üble Gerüche abgibt, ganz im Gegensatz zu Hamstern oder gar Mäusen.

Da Steppenlemminge sehr agile und bewegungsfreudige Tiere sind, was meistens in der Dämmerung bzw. Dunkelheit zu beobachten ist, benötigen diese Tiere eine gewisse Gehegegröße. Bei der Haltung von zwei Tieren sollte das Gehege mindestens eine Größe von 80cm x 40cm x 40cm (Länge x Tiefe x Höhe) haben. Erfahrungen haben gezeigt, dass sich Glasaquarien- bzw. terrarien am besten zur Haltung von Steppenlemmingen eignen. Diese sollten dann allerdings mit einem Deckel aus Drahtgeflecht versehen werden. Der Vorteil liegt hierbei darin, dass die Tiere sich nicht durchnagen können, was bei Plastikkäfigen durchaus der Fall sein kann. In dieses Gehege wird dann genügend Einstreu eingebracht, sodass die Steppenlemminge ausreichend Möglichkeiten zum Graben haben. Es empfiehlt sich hier, nicht nur Kleintierstreu zu verwenden, sondern ebenfalls Heu mit einzubeziehen, damit die Tiere in der Lage sind, stabile unterirdische Gänge und Schlafhöhlen anzulegen. Gut geeignet ist auch ein Torf-Sand-Gemisch, welches aber immer leicht feucht gehalten werden muss, damit es stabil bleibt und nicht staubt. Gewarnt sei dabei vor zu viel Feuchtigkeit und mangelnder Belüftung, was zu Schimmelbildung führen kann und die Gesundheit der Lemminge beeinträchtigt.

Das Gehege sollte außerdem möglichst interessant und abwechslungsreich gestaltet werden, damit das Auftreten von Langeweile und Stereotypien verhindert wird. Hierzu kann man z.B. eine zusätzliche Lage von Heu verwenden, die über die Einstreu gelegt wird. Dieses Heu nutzen die Steppenlemminge dann zum Auspolstern ihrer Schlafhöhlen und es ist auch als kleiner Snack für Zwischendurch herzlich willkommen. Auch Versteckmöglichkeiten aus Naturholz sollten für die Tiere stets bereitstehen. Ungespritzte Äste von Obstbäumen, an denen die Tiere mit Vorliebe nagen, sorgen für weitere Beschäftigung. Steine und Wurzeln geben dem Gehege eine abwechslungsreiche Struktur, diese sollten sich allerdings am Boden des Terrariums befinden, da sonst die Gefahr besteht, dass sich die Steppenlemminge einklemmen könnten. Immer sehr beliebt sind auch diverse Papprollen oder Kartons, die zum Spielen und Klettern Verwendung finden. Zur Beschäftigung dienen ebenfalls Laufräder, die jedoch weiterhin sehr umstritten sind und nicht von allen Steppenlemmingen angenommen werden. Beim Kauf eines Laufrades sollte man unbedingt beachten, dass dieses nicht aus Plastik besteht, da die Steppenlemminge es sonst annagen würden und sich dabei eventuell verletzen könnten. Des Weiteren sollte die Lauffläche geschlossen sein, damit auch hier keine Verletzungsgefahr durch Hängenbleiben besteht.

Zusätzlich zu der Käfigeinrichtung will der Käfigstandort auch gut überlegt sein. Er sollte möglichst an einem ruhigen, hellen Ort ohne direkte Sonneneinstrahlung aufgestellt werden. Außerdem sollte er möglichst auf Augehöhe und nicht auf dem Fußboden plaziert werden. Dies hat den Sinn, dass der Halter nicht von oben in den Käfig hineinschauen muss und so beim Steppenlemming eine Stresssituation mit Fluchtreaktion erzeugen würde, da seine natürlichen Fressfeinde, wie z.B. Raubvögel, ebenfalls von oben angreifen würden. Die optimale Umgebungstemperatur liegt bei 18 – 20 °C.

Der tägliche Pflegeaufwand besteht beim Steppenlemming aus einem Wasserwechsel und Füttern. Die Einstreu muss hier nur alle drei bis vier Wochen gewechselt werde, da der Urin auch kaum riecht.


Fütterung

Bei der Ernährung des Steppenlemming ist zu beachten, dass diese Tiere, die aus kargen Steppengebieten stammen, zu Diabetes neigen und deswegen möglichst zuckerarm ernährt werden sollten. Grundsätzlich sollte immer Wasser, Heu und Grünfutter zur Verfügung stehen und täglich gewechselt bzw. aufgefüllt werden. Die Grünfuttergabe sollte aus Gemüse bestehen, Obst ist aufgrund seines teilweise hohen Zuckergehalts ungeeignet und darf allenfalls als gelegentliches Leckerchen verfüttert werden. Gut geeignete Gemüsesorten sind Möhren, Zucchini, Gurken, Paprika, Sellerie, Rote Beete und Petersilienwurzel. Ebenfalls empfehlenswert sind Wildkräuer und –gräser wie Löwenzahn, Spitzweg oder Sternmoos, die in den heimischen Gärten aufgefunden werden können. Zusätzlich zum Grünfutter kann täglich noch Körnerfutter hinzugefüttert werden. Hierbei kann man zum einen auf fertige Lemminge-Mischungen aus dem Zoofachhandel zurückgreifen oder sich eigenes Trockenfutter zusammenstellen. Es empfiehlt sich eine Mischung aus 70% Exotenfutter, 20% Kanarienfutter und 10% Sesam. Die tägliche Futtermenge beträgt ca. einen Teelöffel pro Tag und Tier. Es bleibt dem Halter überlassen, ob das Futter in den Napf gegeben wird oder einfach in der Einstreu verteilt wird. Die zweite Methode hat den Vorteil, dass die Tiere eine gewisse Zeit mit der Futtersuche beschäftigt sind. Als weiteres „Beschäftigungs-Futter“ empfiehlt sich auch ein kleiner Maiskolben oder Kolbenhirse, an denen die Steppenlemminge nach Lust und Laune nagen können. Sind die Steppenlemminge in der Zucht- oder Wachstumsphase, benötigen sie zusätzlich tierisches Eiweiß. Um ihnen dieses tierische Eiweiß darzubieten, eignen sich am besten Mehlwürmer oder Heimchen. Bei den Heimchen ist noch zusätzlich von Vorteil, dass die Steppenlemminge ihr Fressen jagen müssen. Heimchen oder Mehlwürmer sollten aber nicht öfter als einmal pro Woche verfüttert werden.


Vergesellschaftung

Da Steppenlemminge, wie anfangs schon erwähnt, sehr soziale Tiere sind, sollten sie niemals allein gehalten werden. Somit ist es häufig von Nöten, Steppenlemminge miteinander zu vergesellschaften, was sich manchmal schwierig gestaltet. Grundsätzlich sollten bestehende Gruppen möglichst nicht miteinander vergesellschaftet oder neue Mitglieder in eine bestehende Gruppe eingebracht werden. Eine Vergesellschaft ist dann am sinnvollsten, wenn ein Tier einen neuen Partner erhalten soll, z. B. nachdem sein alter Partner verstorben ist. Da Steppenlemminge sehr revierbezogene Tiere sind, ist es nicht sinnvoll, einen neuen Partner einfach in das Gehege des anderen Tieres zu setzen, da dies zu schweren Ringkämpfen führen kann. Es haben sich hier andere Methoden der Vergesellschaftung bewährt.

Die erste Methode wird Kleinraummethode oder auch Panikbox genannt. Sie eignet sich vor allem für junge Tiere unter 10 Wochen, um diese schnell zu vergesellschaften. Hierbei werden die Tiere für einige Tage in eine Transportbox (Faunabox) gesetzt. In dieser Box sollte man vorher Streu von beiden Steppenlemmingen und etwas Futter verteilen. Außerdem sollten beide Tiere möglichst gleichzeitig eingesetzt werden. Im Normalfall werden sich die Tiere beschnuppern und sich eventuell auch jagen und Fieptöne von sich geben. Kommt es zu wilderen Auseinandersetzungen, sollte man die Vergesellschaftung abbrechen. Bleiben ernsthafte Streitigkeiten aus, sollte man beide Tiere jetzt für ein bis drei Tage in der Box lassen, zumindest so lange , bis sie friedlich nebeneinander hocken und sich offensichtlich vertragen. Dann dürfen beide Tiere ihr neues Gehege beziehen.

Eine weitere Methode ist die Trenngittermethode, die hauptsächlich bei älteren Steppenlemmingen angewandt wird. Dazu muss das Gehege in der Mitte durch ein Gitter getrennt werden, damit sich die beiden Steppenlemminge zwar sehen und riechen, aber nicht erreichen können. Der Gitterabstand muss dabei so eng gewählt werden, dass die Tiere in keinem Fall ihre Schnauze hindurchstecken können, da es sonst auch durch das Gitter zu Beißereien kommen kann. Beide Steppenlemminge sollten dann mehrmals täglich von der einen zur anderen Seite vertauscht werden, damit sie sich an den Geruch des Anderen gewöhnen. Meistens reicht bei dieser Methode eine einwöchige Trennung aus, bevor sie in ihr neues bereits fertig gestelltes Gehege gesetzt werden können.

Nach einer erfolgreichen Vergesellschaftung können die Steppenlemminge dann gemeinsam ihr neues Zuhause beziehen. War einer der beiden Lemminge in diesem bereits zuhause, sollte darauf geachtet werde, dass das Gehege vorab gut gereinigt wird und es möglichst auch einen neuen Standort bekommt. Zunächst sollte man nur Einstreu, auch die alte Einstreu aus der Vergesellschaftung, und Heu sowie natürlich Futter in das Gehege geben. Vertragen sich die Tiere dann immer noch, kann man von Zeit zu Zeit neue Häuschen oder andere Beschäftigungsmöglichkeiten in das Gehege integrieren.

Für den Fall, dass sich die Tiere während der Vergesellschaftungsversuche sehr aggressiv verhalten und damit Abneigung gegenüber ihren Artgenossen ausdrücken, muss davon abgesehen werden, beide Tiere zusammen in einem Gehege zu halten. Dies kommt vor allem bei männlichen Steppenlemmingen vor, da diese auch in freier Wildbahn eher einzelgängerisch leben. Auch bei Jungtieren, die zu früh von den Eltern weggenommen wurden und so nicht ausreichend sozialisiert wurden, kann es zu Problemen bei der Vergesellschaftung kommen.


Zucht

Da Steppenlemminge sehr vermehrungsfreudige Nagetiere sind, können sie in einer relativ kurzen Zeit eine Vielzahl an Jungtieren zeugen. Generell sollte man zur Nachzucht nur gesunde und kräftige Tiere einsetzen, da über kranke oder behinderte Steppenlemminge Erbkrankheiten weitergegeben werden könnten. Zudem sollte man zur Nachzucht nur diejenigen Tiere verwenden, die möglichst positive Charaktereigenschaften aufzeigen, d.h. die möglichst wenig aggressiv gegenüber ihren Artgenossen sind. Steppenlemminge erreichen schon mit ca. vier Wochen ihre Geschlechtsreife, aber das ideale Alter für eine Verpaarung liegt bei ca. 3 Monaten, da die Tiere dann ausgewachsen sind. Tatsächlich hat sich gezeigt, dass Steppenlemminge in Menschenobhut auch nur äußerst selten zu einem früheren Zeitpunkt werfen. Nach einer Tragzeit von etwa 20 Tagen werden meistens 4 bis 6 Jungtiere geboren. Zusammenfassend kann man sagen, dass die Vermehrung von Steppenlemmingen normalerweise sehr unkompliziert ist. Nichtsdestotrotz empfiehlt sich die Führung eines Zuchtbuches, indem Merkmale wie Name/Nummer, Geburtsdatum, Eltern, Gehege, Charaktereigenschaften, Verpaarungen, Würfe, Abgabe und Todestag/Todesursache notiert werden. Dies erleichtert bei einem größeren Bestand an Steppenlemmingen, die idealen Partner zur Verpaarung zu finden.

Büchertipps