Animal Hoarding wissenschaftlich beleuchtet – Zahlen, Daten Fakten?


Animal Hoarding, das krankhafte Sammeln und Halten von Tieren unter größtenteils für die Tiere unzumutbaren Bedingungen ist ein Phänomen, welches in jüngster Zeit vermehrt in der Presse auftaucht. Auch die Rodentia hat schon an verschiedenen Stellen über Fälle von Animal Hoarding berichtet. Obwohl das pathologische Tiersammeln vor allem in den USA schon länger bekannt ist, fehlt in Deutschland dazu fundierte Literatur, die über Einzelfallbeschreibungen hinausgeht.
Mit der Veröffentlichung der Dissertation von T.S. SPERLIN liegt erstmalig eine wissenschaftliche Arbeit über das Phänomen des „Animal Hoardings“ vor. SPERLIN gibt im Rahmen ihrer Arbeit zahlreiche Daten zu diesem Thema an, die sie über die Befragung von Veterinärämtern erhalten hat. Insgesamt basiert die Studie auf 625 Fragebogen, in denen 219 Veterinärämtern über Fälle von krankhaftem Tiersammeln eingesandt worden. Die ist durchaus beunruhigend, bedeutet es doch, dass deutschlandweit mehr als jedes zweite Veterinäramt mit diesem Thema in direkten Kontakt gekommen ist.

Aus Tierhaltern werden Tiersammler
Unter Animal Hoarding versteht man allgemein das krankhafte Sammeln und Horten von Tieren. Dies alleine ist aber noch nicht bedenklich, da es durchaus Menschen gibt, die auch eine größere Anzahl von Tieren pflegen, ohne dass diese dabei leiden. Zum Problem und damit zum Animal Hoarding im engeren (krankhaften) Sinne wird es erst dann, wenn eine größere Anzahl von Tieren gehalten wird, ohne die Mindeststandards an Nahrung, Hygiene und tierärztlicher Versorgung gewährleisten zu können ( PATRONEK 1999). Selbst einfache Bedürfnisse wie Platzbedarf oder Futter der gehaltenen Tiere kann ein krankhafter Tiersammler nicht mehr erfüllen. Nicht selten endet eine solch katastrophale Haltung auch für ein oder mehrere Tiere tödlich, wobei in vielen Fällen die Beseitigung des Kadavers durch den Halter nicht vorgenommen wird, was erhebliche Gesundheitsgefahren für Mensch und Tier mit sich bringt.
Wie aber werden Tierhalter zu Tiersammlern? Der Anfang ist meist ganz harmlos und fängt mit einem einzelnen Paar an, mit der zunehmenden Zahl der Tiere nimmt dann aber die Überforderung des Halters seinen Lauf. SPERLIN gibt in ihrer Arbeit an, dass 38,5% der betroffenen Animal Hoarder Zucht und/oder Handel als Einstiegsmotivation in die Tierhaltung angeben. Leider fehlt in diesem Bereich eine Aufschlüsselung, welche Tierarten betroffen sind, denn sicherlich sind hier Kleinsäuger hier eher selten betroffen, da mit deren Zucht letztlich kaum ein so großer Gewinn erzielt werden kann, dass davon der Lebensunterhalt des Züchters gedeckt werden kann.
Bemerkenswert ist, dass bereits 33,2% der betroffenen Halter angaben, dass sie ursprünglich Tiere vor schlechter Haltung retten wollten. Trotz dieser ursprünglich durchaus hehren Absicht bieten sie ihren Tieren aber letztendlich genau die schlechten Lebensumstände, die sie ja eigentlich vermeiden wollten. Der Grad vom Tierschützer zum Tierquäler ist also hier sehr schmal. Vor diesem Hintergrund muss es zumindest nachdenklich stimmen, wenn immer mehr private Tierhilfen wie Pilze aus dem Boden schießen. Viele von diesen Initiativen leisten sicherlich gute Arbeit, aber ohne entsprechende fachliche Betreuung und ausreichendes Fachwissen besteht hier immer wieder die Gefahr, dass auch hier aus Tierhilfe Tierleid wird.
Auch bei manchem Hobbyhalter kommt es zur Entgleisung der Tierhaltung mit fatalen Folgen für die gepflegten Tiere. Immerhin in 20,6% ist laut SPERLIN die Hobbyhaltung der Beginn der letztlich fatalen Entwicklung.

Welche Tierarten sind betroffen
Schaut man sich an, welche Tierarten besonders häufig bei Animal Hoardern angetroffen werden, so stellt man fest, dass die traurige Hitliste von Katzen (19,7%) und Hunden (17,5%) angeführt wird. Als erster Kleinsäuger findet man das Kaninchen auf Platz 3 der betroffenen Tierarten. In immerhin 9,4% der Fälle sind Kaninchen betroffen, wobei keine Aufschlüsselung zwischen großen Rassen und Zwergkaninchen erfolgt, was wünschenswert gewesen wäre, da sich hieraus auch meist ein Rückschluss auf die Intension des Halters ziehen lässt. Nager werden von SPERLIN zusammengefasst, in 79 Fällen waren sie betroffen (Gesamtzahl der dokumentierten Fälle liegt bei 1295). In immerhin 73 Fällen waren Meerschweinchen betroffen, was ihnen zusammen mit den Nagern einen unrühmlichen Platz im vorderen Mittelfeld beschwert. Unklar ist jedoch, wie die Zusammenstellung der Gruppe der Nager erfolgte, finden sich hier doch Arten wie Ratte, Maus, Hamster und Chinchilla. Rennmäuse wären demnach nicht betroffen, eine angesichts der Verbreitung der Tiere doch eher seltsame Tatsache. Nicht nachvollziehbar ist auch, warum Streifenhörnchen und Ziesel in der Kategorie Zootiere und andere Exoten zusammen mit verschiedenen Reptilien, Paarhufern und Primaten zusammengefasst wurden, sind sie doch nicht mehr oder weniger „exotisch“ als Chinchillas. Hier wäre im Sinne einer wissenschaftlichen Arbeit eine eher an eine zoologische Systematik angelehnte Einteilung wünschenswert. Wie dem auch sei, mit lediglich 13 Fällen stellt diese Gruppe das rühmliche Schlusslicht der von SPERLIN aufgeführten Statistik dar. Lediglich Amphibien und Insekten weisen mit 12 Fällen weniger auf.
Erfreulich ist auch, dass auch bei Frettchen lediglich 13 Fälle aufgeführt werden, was SPERLIN ausdrücklich lobend erwähnt. Umso unklarer ist dann, warum sie zum Schluss ihrer Arbeit eine Verbot der privaten Wildtier- und Exotenhaltung fordert, zeigt doch die Statistik, dass in diesem Bereich nur wenige Fälle von Animal Hoarding aufgetreten sind. Hier zeigt sich m. E. eine klare ideologische Färbung der Arbeit, die durch den Deutschen Tierschutzbund e. V. und die Akademie für Tierschutz gefördert wurde. Aus den in der Dissertation veröffentlichen Daten lässt sich ein solches Verbot jedenfalls nicht begründen, hier müsste eher ein Verbot der Hunde- und Katzenhaltung als Folge der Arbeit gefordert werden.

Und was ist mit den Menschen?
Auch an andere Stelle zeigt sich eine klare ideologische Färbung der Arbeit, wenn SPERLIN das Verbot von Tierverkäufen im Zoofachhandel und im Internet fordert. Kann man Zweiteres durchaus nachvollziehen, da hier tatsächlich teilweise kritische Zustände herrschen, ist die Vermengung mit dem Zoofachhandel unzulässig, da hier vollkommen andere Bedingungen und Beratungssituationen herrschen. Auch ist der Grund für die doch recht drastische Forderung unklar, sind doch nicht der Kauf in Internet oder Zoofachhandel, sondern das ungezielte Züchten sowie das Zutragen von Tieren die wesentlichen Punkte, wenn es um die Herkunft der Tiere bei Animal Hoardern geht. Genau hier stellt sich doch die Frage, wieso einem überforderten Halter weiterhin Tiere zugetragen, also abgegeben werden, ohne dass man darauf achtet, unter welchen Bedingungen die Tier dort leben müssen. Es müsste also folgerichtig eine Checkliste für private Tierschutzeinrichtungen geben, anhand deren man die Zustände dort beurteilen kann.
Auch bei der Frage, wer letztlich die Behörden über eine solchen Fall von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz informiert muss man zumindest nachdenklich werden. So sind es in 37,4% Nachbarn, die die Amtsveterinäre über die Zustände informieren. Dies aber nicht unbedingt aufgrund von Verstößen gegen das Tierschutzgesetz, die Menge der gehaltenen Tiere (52,8%), Geruchsbelästigung (35,2%) und Unsauberkeit (30,85) sind die Hauptgründe für eine Meldung bei den Behörden, Haltungsprobleme sind hingegen nur in 11% der Fälle ein Grund die Behörden einzuschalten (Mehrfachnennungen waren möglich). So mag es nicht verwundern, wenn nur 4,9% der Meldungen von Tierkäufern stammen. Dies ist bedauerlich, sollte man doch beim Kauf von Tieren generell auf die Unterbringung vor Ort achten. Zwar werden von den meisten krankhaften Haltern Tiere nur im Anfangsstadium ihrer Sammelwut abgegeben, aber auch in diesem Stadium sind Missstände meist schon erkennbar. Stimmen die Zustände beim Verkäufer nicht, ist nicht nur ein Verzicht auf den Kauf anzuraten (Mitleidskäufe helfen nie!), es ist auch sinnvoll, den Behörden einen Hinweis auf die vorgefundenen Zustände zu geben. Dies hat nicht mit Denunziantentum zu tun, sondern ist der Tatsache geschuldet, dass nur so von den Behörden eingegriffen werden kann, was u.U. dazu beiträgt, dass der Halter seine Fehler einsieht und die Haltung verbessert.
Und letztlich darf bei aller Tierschutzproblematik auch der betroffene Mensch nicht vergessen werden. In einem Großteil der Fälle von Animal Hoarding sind die entsprechenden Halter psychisch erkrankt, in weiteren Fällen ist eine psychische Erkrankung wahrscheinlich, aber nicht diagnostiziert. Ebenso auffällig ist, dass die meisten Tiersammler sozial isoliert sind, viele sind zudem arbeitslos (75,5%). Vor diesem Hintergrund muss das Sammeln von Tieren auch als verzweifelter Versuch gesehen werden, in Interaktion mit anderen Lebewesen zu treten und eine sinnvolle Aufgabe zu finden. Somit ist Animal Hoarding nicht nur ein Tierschutzproblem, sondern auch ein Problem unserer Gesellschaft, in der Vereinsamung und soziale Kälte immer weiter zunehmen. Aus diesem Grund ist es auch meist nicht sinnvoll, dem Halter alle Tiere wegzunehmen, da die Gefahr besteht, dass er sich dann neue Tiere als „Ersatzbefriedigung“ besorgt, wenn es aus tierschutzrechtlichen Gründen vertretbar ist, sollte ein kleiner Teil der Tiere vor Ort verbleiben. Selbstverständlich muss in diesem Fall ein enges Monitoring erfolgen, in dem überprüft wird, ob die Haltung der Tiere nun zufriedenstellend ist.

Und die Folgen?
Letztlich werden alle Maßnahmen, die getroffen werden, das Phänomen Animal Hoarding niemals gänzlich verhindern. Erste recht nicht, wenn man bedenkt, wie vielschichtig das Problem ist, welches neben tierschutzrechtlichen auch psycho-soziale Aspekte aufweist. Sicherlich ist ein generell stärkeres Bewusstsein für die Bedürfnisse des „Mitgeschöpfs Tier“ ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings muss dies fachlich fundiert und frei von Ideologien erfolgen. Richtlinien, die sich alleine in Gehegegrößen niederschlagen sind dafür kaum geeignet, denn Zollstocktierschutz ist zwar leicht überprüfbar, wird dem Tier aber letztlich nicht gerecht. Nicht jedes ausreichend große Gehege ist tiergerecht und nicht jedes Tier, welches in einem zu kleinen Gehege lebt, leidet automatisch!
Ein wichtiger Aspekt zur Verhinderung von Animal Hoarding ist aber vor allem die soziale Kontrolle. In vielen Fällen suchen Tiersammler geradezu den Kontakt zu anderen Haltern, meist über das Internet, um sich als Tierschützer zu generieren. Eine kritische und menschenzugewandte Betrachtung entsprechender Postings oder persönlicher Äußerungen trägt sicherlich dazu bei, viele Fälle bereits während des Entstehens zu erkennen, sodass es für Hilfe nicht zu spät ist. Und letztlich hilft es, seinen Mitmenschen mit offenen Augen zu begegnen. Dann kann es auch nicht zu Fällen kommen, wie sie SPERLIN in ihrer Dissertation beschreibt, z.B. eine Dame, bei der bei einer Fahrzeugkontrolle 80 in Auto lebende Meerschweinchen festgestellt werden. Es wäre also nicht nur wünschenswert, sondern auch erforderlich um das Phänomen Animal Hoarding zu verstehen, neben den tierschutzrechtlichen Aspekten auch die psychischen Hintergründe der betroffenen Menschen näher zu erläutern. Denn auch wenn es sich vordergründig um ein Problem des Tierschutzes handelt, so ist der Kern des krankhaften Tiersammelns oft in einer psychischen Erkrankung zu finden. Und nur wenn diese Ursache angegangen wird, kann Animal Hoarding verhindert werden.


Literatur
PATRONEK, G. (1999): Hoarding of Animals: An Under-Recognized Public Health Problem
in a Difficult-to-Study Population. – Public Health Reports 114, 81-87.

SPERLIN, T.S. (2012): Animal Hoarding – Das krankhafte Sammeln von Tieren. Aktuelle Situation in Deutschland und Bedeutung für die Veterinärmedizin. – Deutsche Veterinärmedizinische Gesellschaft Service GmbH, Gießen