Artikel aus der Rodentia 74

Ein Ende der Exotenhaltung – Bundestagswahl hat weitreichende Folgen für unser Hobby

Von Ralf Sistermann

Wenn im September 2013 gewählt wird, geht es vordergründig um die Wahl der neuen Regierung. Tatsächlich geht es aber darum, welche politische Richtung in Deutschland eingeschlagen wird und dies hat weitreichende Folgen für unser Hobby.  Denn einige im Bundestag vertretene Parteien stehen unserem Hobby mehr als kritisch gegenüber, bzw. sie möchten es sogar abschaffen.

In der Diskussion der letzten Jahre standen dabei zwar immer wieder Reptilien und Amphibien im Fokus, wer sich aber mit der derzeitigen Diskussion und den Parteiprogrammen auseinandersetzt erkennt schnell, dass die dort geplanten Regelungen auch die Haltung von Kleinsäugern betrifft.

Die Parteiprogramme im Einzelnen

Schaut man in das Parteiprogramm der Grünen, so kann man dort lesen: „Zum Schutz von Haustieren wollen wir einen Fachkundenachweis einführen. Auch Wildtiere müssen wir besser schützen. Dafür fordern wir ihre Haltung im Zirkus zu verbieten sowie eine Novelle der rechtlichen Vorgaben für die Zootierhaltung. Den Import und die private Haltung regeln wir über die Einführung einer Positiv-Liste und ein Verbot von Wildtierbörsen.“

Auf Nachfragen, was denn unter Wildtieren in der Haltung zu verstehen sei, erhielt der Initiator der Facebook-Gruppe Gegen.ein.Haltungsverbot.Exotischer.Heimtiere Dirk Fritz folgende Antwort von Martin-Sebastian Abel (Sprecher für Tierschutz der Grünen Landtagsfraktion NRW): „Im Allgemeinen werden als Exoten Wildtiere und deren Nachzuchten definiert, die weder zu den heimischen Arten gezählt werden, noch als domestiziert angesehen werden können; die aufgrund Ihrer biologischen Merkmale nicht an das Leben in einer vom Menschen geprägten Umgebung gewöhnt sind oder an die Klimabedingungen in Deutschland.

Zu der Gruppe der Exoten gehören Säugetiere wildlebender Arten sowie Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien. Ebenso fallen einige Insekten und Spinnentiere unter diese Definition. Eine einheitliche artenscharfe Einteilung der verschiedenen Tierarten, welche als „exotisch“ oder als "Wildtier" angesehen werden können gibt es nicht, jedoch Kriterien die angewendet werden können, wie eben den Aspekt der Domestikation und Verhalten, Tierart und Umweltbedingungen im Herkunftsland etc.“

Wer sich die Antwort genau durchliest, dem müssen die Haare zu Berge stehen. So fällt zunächst einmal auf, dass nur einige  Insekten und Spinnentiere unter die Definition fallen. Dabei sollte jedem Laien klar sein, dass es hier keine einzige Art gibt, die als domestiziert angesehen werden kann. Auch ist keine klare Abgrenzung zwischen exotisch und Wildtier zu erkennen. Und so muss angenommen werden, dass diese Begriffe weiterhin munter miteinander vermischt werden. Dies würde aber bedeuten, dass jedes nicht einheimische Tier in der Haltung reglementiert werden soll. Darunter würden dann auch Meerschweinchen und Co fallen. Aber auch, wenn man annimmt, dass tatsächlich eine saubere Trennung beider Begriffe erfolgt und es um Wildtiere (also nicht domestizierten Tieren) geht, kann man als Halter von Kleinsäugern nicht beruhigt sein.

Farbformen sind kein Zeichen von Domestikation

Denn unter Domestikation versteht man einen innerartlicher Veränderungsprozess von Wildtieren, bei dem diese durch den Menschen über Generationen hinweg von der Wildform genetisch isoliert werden, wodurch ein Zusammenleben mit dem Menschen oder eine Nutzung durch diesen ermöglicht wird.

Viele Tierhalter verstehen hierunter vor allem das Entstehen von Farbformen, die von der Wildfarbe abweichen. Demnach wären viele der in unseren Beständen befindlichen Arten als domestiziert anzusehen und würden nicht unter die a.g. Regelung fallen. Dies ist aber ein Trugschluss, denn einerseits können solche Farbformen auch in freier Wildbahn auftreten und sind damit kein alleiniges Merkmal der Heimtierwerdung, andererseits wird von einer Domestikation nur gesprochen, wenn sich auch die Ausprägung einiger Verhaltensweisen (zum Beispiel reduzierte Aggressivität) deutlich verändert, neben weiteren teilweise erheblichen morphologischen Änderungen. Nimmt man diese Definition als Grundlage, so ist kaum eine in unseren Beständen befindliche Art als domestiziert anzusehen. Ein gutes Beispiel ist dafür der Goldhamster, der trotz jahrzehntelanger Isolierung von der Wildpopulation und einiger oberflächlicher morphologischer Veränderungen (Farbe, Fellstruktur) im Verhalten und der Gesamtmorphologie kaum Unterschiede zu seinen wildlebenden Artgenossen aufweist (Gattermann, 2000). Er ist deshalb als nicht domestiziert anzusehen und würde unter ein Wildtierhaltungsverbot fallen. Gleiches gilt für Degus, Chinchillas oder Mongolische Rennmäuse.

Erschreckend bei der Forderung nach der Positivliste der Grünen ist auch, die Nähe zu vergleichbaren Forderungen des Deutschen Tierschutzbundes. Dieser stellt in einer Stellungnahme fest: „Sensible, anspruchsvolle Exoten – z.B. Reptilien, Vögel oder Fische – leiden und sterben in Menschenhand. Ihre Haltung ist grundsätzlich zu verbieten.“ Wieso hierbei ausgerechnet Säuger ausgespart werden kann nur spekuliert werden, aber wahrscheinlich möchte man potentielle Spender nicht verschrecken und die kommen sicherlich eher aus dem Bereich der Säugerhalter als aus Kreisen der Terrarianer. Konkret bedeutet diese Forderung aber ein Ende von Guppy, Wellensittich und Bartagame. Das dann Kleinsäuger weiterhin ohne Einschränkung gehalten werden dürfen, mag nur glauben, wer Wahlversprechen von Parteien als bare Münze nimmt.

Ansichten anderer Parteien

Die Ausrichtung der Grünen ist also klar, wie sieht es aber mit den anderen Parteien aus. Bei der SPD heißt es im Wahlprogramm: „Den Handel mit und die Haltung von Tieren, insbesondere auch von Wildtieren und exotischen Tieren, wollen wir bundeseinheitlich regeln. Der Import von Wildfängen soll generell verboten werden und gewerbliche Tierbörsen werden wir schließen.“ Die Übereinstimmung mit dem Programm des Wunschkoalitionspartners ist unübersehbar. Hier werden sogar exotische und Wildtiere in einem Atemzug genannt, man greift also sogar weiter, denn jetzt würden auch Meerschweinchen als domestizierte Exoten erfasst.

Als Grund für das Importverbot wird dabei zumeist der Artenschutz angeführt und auf das Verbot von Wildvogelimporten verwiesen. Gerade hier hat sich aber gezeigt, dass das Importverbot dem Artenschutz eher geschadet denn genützt hat. Galten in den Ausfuhrländern die exportierten Arten bisher als Einnahmequelle und sicherten so die Existenz von Fängern und deren Familien, so galten sie nach dem Importstopp lediglich als Schädlinge, die die oft spärliche Ernte bedrohen und somit das Überleben ganzer Familien gefährden. In der Folge wurden die nun nicht mehr gehandelten Vogelarten im großen Stil getötet, u.a. durch Abbrennen von besetzten Brutbäumen, durch Abschuss oder Vergiften. Dabei wurden oftmals auch weitere Arten geschädigt, auch Exemplare besonders bedrohter Arten. Grund für diese Fehlentwicklung ist die typisch deutsche Sicht auf die Dinge, die vollkommen außer Acht lässt, wie die Verhältnisse im jeweiligen Ursprungsland sind. Hunger und Krankheiten lassen für die dort lebenden Menschen Artenschutz als überflüssig und unwichtig, ja als reines Luxusproblem, erscheinen. Das Importverbot stößt deshalb auch auf völliges Unverständnis.

Sinnvoller wäre es, den Menschen zu erlauben, im kontrollierten und beschränkten Maße ihre natürlichen Ressourcen zu nutzen. Dies würde die Existenz der Menschen vor Ort sichern und gleichzeitig aufzeigen, dass Tiere erhaltenswert sind.

Ungeregelte Massenimporte sind hingegen grundsätzlich abzulehnen und sind weder im Sinne des Artenschutzes noch der seriösen Tierhalter in Europa.

Ein weiteres Argument, welches für die Einschränkung bzw. für das Verbot von Exotenhaltung angeführt wird, ist die Gefährdung der Bevölkerung, sei es physisch oder infolge von Krankheitserregern. Vor allem Salmonellen werden dabei immer als große Gefahr dargestellt, weshalb die Tierschutzbeauftragte des Landes Hessen sogar eine Haltung bestimmter Tierarten in Schule und Kindergärten sogar gänzlich verbieten will. Zwar ist von diesem Komplex auch hauptsächlich die Terraristik betroffen, aber sie zeigt ein weiteres Mal, wie mit gemutmaßten Zahlen und Horrorszenarien Stimmung gegen Tierhalter gemacht wird. In Hessen hat die hat schon einmal funktioniert, würde doch hier mit eindeutig falschen (oder besser erfundenen) Zahlen die Gefahrtierverordnung durchgesetzt. Und so ist auch die Gefahr von Krankheitsübertragungen durch Tiere bei normaler Hygiene als eher gering einzuschätzen. Und wenn es sie dann doch gibt, so sind es vor allem Hunde- und Katzenbisse, diese werden aber seltsamerweise nicht als problematisch dargestellt. Was Salmonellen angeht, so ist sicherlich jede Eierspeise im Kindergarten potentiell gefährlicher als eine Schlange oder ein Kleinsäuger.

Und auch die sonstigen Gefahren, die von Exoten für Leib und Leben der bundesdeutschen Bevölkerung ausgehen, sind sicherlich eher zu vernachlässigen. So sind im Falle eines Angriffs meist nur die Halter selber betroffen, hinzu kommt, dass es gar keine verlässlichen Zahlen gibt, weil die tatsächlichen Fälle so selten sind, dass sie nirgends erfasst werden. Anders sieht die bei z:b. bei Hunden aus. Alleine in Deutschland werden jährlich 30.000 Hundebisse gezählt, da kann man dann schon eher von Gefahrtier reden.  Dies gilt auch für das Pferd. 30.000 – 40.000 Reitunfälle und immerhin 20 Tote in 10 Jahren, hier ist sicherlich eine größere Gefahr als sie Nasenbären und Co darstellen. Von einem Verbot der Pferdehaltung um die Bevölkerung zu schützen ist aber bisher nicht die Rede.

Bleibt noch als letzter Punkt die Behauptung, dass Exotenhalter oft überfordert seien und ihre Tiere dann aussetzten, die die SPD ebenfalls als Begründung für die geforderten Einschränkungen angibt. Gestützt wird dies auf Aussagen des Deutschen Tierschutzbundes. Dieser selber nennet dann aber für 2011 nur 40 Fälle ausgesetzter Exoten, bei einer Gesamtzahl von 70.000 ausgesetzten Tieren, meist Hunden und Katzen. Dies ist dann endgültig eine Willkürliche Verdrehung von Tatsachen, wie sie auch in der tendenziösen Arbeit zum Animal Hoarding zu erkennen war (siehe ROD 72).

Die Linke – radikal gegen Tierhaltung

Noch radikaler als SPD und Grüne geht die Linke in Bereich Tierhaltung vor. In ihrem Wahlprogramm heißt es: „Der konsequente Schutz wildlebender Tiere gebietet, deren Haltung (…) in Haushalten zu untersagen.“ Dies wäre also das absolute Ende von jeglicher Tierhaltung mit Ausnahme von Hund, Katze, Kaninchen und evtl. noch Meerschweinchen. Aber selbst dies ist nicht sicher, denn auch hier sind Gruppen wie PETA und der Deutsche Tierschutzbund lobbymäßig gut vertreten. Und letzteres sieht ja sogar Frettchen als nicht domestiziert an, wobei die als Art in freier Wildbahn nicht vorkommen. Bei solch krudem Interpretieren biologischer Fakten  kann einem angst und bange werden, sollten diese Verbände im Gesetzgebungsverfahren eine maßgebliche Stimme bekommen.

 Bleiben noch zwei Parteien, die im derzeitigen Spektrum des Bundestags eine Roll spielen.  Die CDU fordert: „Es ist wichtig, dass der Halter auch über die erforderlichen Kenntnisse verfügen und diese gegebenenfalls nachweisen können muss. Wer qualifiziert ist, geht in der Regel auch gut und sachgerecht mit den Tieren um.“ Diese Forderung kann nur unterstützt werden. Sachkunde tut not und hier gibt es tatsächlich in einigen Bereichen Nachholbedarf. Kaum ein seriöser Tierhalterverband wird sich dieser Forderung widersetzen, allerdings muss die Sachkunde auf wissenschaftlichen Fakten und nicht auf emotionsgetränkten Vermutungen basieren. Nur so können tatsächliche Verbesserungen im Tierschutz erzielt werden.

Den Standpunkt der FDP stellt Thomas Diener, Bereichsleiter Dialog dar: „Wir setzen uns für eine tiergerechte und die Tiergesundheit fördernde Tierhaltung und -ernährung ein. So lange Sie dies gewährleisten können, ist alles in Ordnung.“ Damit vertritt er exakt die Meinung ernsthafter Tierhalter.

Alles nur Gerede

Was ist aber nun die Konsequenz? In vielen Gesprächen muss ich immer wieder hören, dass schon alles nicht so wild werden wird und Kleinsäuger auch nicht betroffen sind. Dies ist sicherlich falsch und einseitig gedacht. Denn einerseits ist es wichtig, dass alle Tierhalter als Lobby zusammenstehen, wenn etwas erreicht werden soll, andererseits ist aus logischen Gesichtspunkten kein Unterschied zwischen einer Bartagame im Terrarium und einem Degu im Gehege zu machen. Wer also glaubt, Kleinsäuger wären niemals betroffen, der irrt gewaltig. Als Beispiel sei die Initiative des Landes Bayern zu sehen, die Savannakatzen, aber auch andere Rassen wie Bengalkatzen verbieten will.

Sind die Liste erst geschrieben, ist dagegen kaum mehr anzukommen. Beispiel seien hier die Hundeverordnungen der Länder, die teilweise völlig widersprüchlich und vom Rasseteil sehr umstritten sind. Verhindert haben sie bisher auch keinen Beissunfall, zumindest ist dies statistisch nicht nachweisbar. Sie haben aber illegale Zuchten und Haltungen florieren lassen, dies kann weder im Sinne der Tiere noch der Bevölkerung sein. Genau diese Entwicklung gilt es in der Exotenhaltung zu verhindern. Sachkunde ja – Haltungsverbote nein!