Das neue Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren ist fertig. Hier als download.

Anbei eine Stellungnahme zum Gutachten:

Knapp 18 Jahre hat es gedauert, bis das Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren endlich erneuert und am 07.Mai 2014 veröffentlich wurde. Bis dahin galt das alte Gutachten aus dem Jahr 1996, welches zu Recht als überaltert und nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entsprechend angesehen wurde. Was aber hat die Überarbeitung des Gutachtens für den Privathalter für Folgen?
Im Vorfeld der Veröffentlichung waren einige Horrormeldungen durch die Szene gegangen und auch innerhalb der deutschen Zoos regte sich teilweise heftiger Widerstand gegen einzelne Änderungsvorschläge innerhalb der Kommission, die mit der Erarbeitung des Gutachtens beauftragt worden war. Die Ursache hierfür dürfte vor allem in der Zusammensetzung der Kommission zu sehen sein, in der Tierschützer, die sich öffentlich klar gegen jegliche Tierhaltung in Bezug auf Exoten positionieren, mit der gleichen Anzahl vertreten sind wie wissenschaftlich geführte Zoos. Sicherlich muss Tierschutz eine wichtige Rolle spielen bei der Erarbeitung eines solchen Gutachtens, dieser darf aber nicht auf der Basis polemischer und teilwiese bewusster falscher Äußerungen basieren, die die im Gutachten vertretenen Organisationen über Presse und Öffentlichkeitsarbeit in die Bevölkerung lancieren. Dies hat nicht mit qualifizierter, wissenschaftlich fundierter Arbeit zu tun, was schlichtweg auch nicht die Aufgabe dieser Verbände ist. Auf rein emotionalen, teilweise sogar den wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprechenden Argumenten kann aber kein Gutachten fußen, welches weitreichende Konsequenzen für die Tierhaltung in Deutschland hat. Hier zeigt sich m.E. klar, dass in Deutschland inzwischen eine Politik betrieben wird, die laut krakeelende und polemisch agierende Gruppen viel zu stark beachtet und diese versucht mittels weitreichenden Zugeständnissen ruhigzustellen. Nicht ohne Grund haben die Vertreter der Zooverbände ein Differenzprotokoll zum Gutachten erstellt, in welchem sie das fehlende Gehör für wissenschaftlich fundierte Änderungsvorschläge kritisieren.

Alles ohne Tierhalter
Tierhalterverbände gehörten erst gar nicht zur Kommission, da sie offensichtlich keine ausreichende politische Rolle spielen. Hier zeigt sich wieder einmal der Nachteil der fehlenden Organisation besonders innerhalb der Kleinsäugerhalter, gleichzeitig aber auch, dass er teilweise öffentlich über soziale Medien ausgetragene Disput über die Haltung bestimmter Arten innerhalb der Community dem Ansehen der privaten Halter mehr als schadet. Dies ist bedauerlich, denn letztlich gilt das Gutachten auch für sie, weshalb eine stärkere Beteiligung der Tierhalter an dem Gutachten dringend notwendig wäre. Zwar wurden Verbände wie die Bundesarbeitsgruppe Kleinsäuger e.V. (BAG) im Rahmen des Verfahrens durchaus gehört, ihr Einfluss ist aber so gering, dass sie nicht mit zu den Unterzeichnern des Gutachtens gehört. Wir Privathalter müssen also auf das Wirken der Zoovertreter hoffen, wohl wissend, dass sie einen ganz anderen Fokus auf Tierhaltung und auch auf die für die privaten Tierhalter interessanten Tiergruppen werfen. Zynisch wirkt es, dass die Vertreter der Tierschutzverbände in ihrem Differenzprotokoll anmerken, dass Empfehlungen erfahrener Tierhalter im Erstellungsprozess keine Beachtung gefunden hätten. Bisher sind vor allem Animal Public und Deutscher Tierschutzbund nicht dadurch aufgefallen, dass sie die Expertise von privaten Tierhaltern ernst genommen hätten, im Gegenteil, in ihrem Bemühungen, die private Haltung weitgehend zu verbieten, haben beide Verbände immer wieder die Sachkunde privater Halter bezweifelt und damit ihre Haltungsverbote begründet. Ist die Äußerung also als Rückbesinnung zur Zusammenarbeit zu verstehen. Sicherlich nicht, sie ist vielmehr ein leider allzu durchschaubarer Versuch einen Keil zwischen Zoos und private Halter zu treiben, um sie danach getrennt zu bekämpfen.

Das Gutachten im Einzelnen
Betrachtet man das neue Gutachten so fällt auf, dass der 2. Teil des aus sechs Teilen bestehenden Schriftstücks sich ausführlicher als in der alten Variante mit den Gehege- und Haltungsansprüchen befasst. Dies ist ein klares Plus des neuen Gutachtens, zumal hierin eindeutige Hinweise auf die Gehegegestaltung gegeben werden. Ob aber der Hinweis, dass Gehege im Grundriss keine spitzen Winkel aufweisen dürfen, wirklich der Verbesserung der Haltungsbedingungen dient, sei dahingestellt, zumal sich durch geschickte Gehegegestaltungen gerade solche Ecken durchaus gut als Rückzugsort nutzen lassen. Sicherlich muss dabei einerseits die Reinigung der jeweiligen Ecke gewährleistet werden, auch muss bedacht werden, dass ein dort befindliches Tier einem Artgenossen nicht ausweichen kann, aber dies gilt auch innerhalb einer Schlafbox, ist also als Argument somit nicht zu werten. Wichtig ist der Hinweis, dass die klimatischen Bedingungen innerhalb des physiologischen Toleranzbereichs der jeweiligen Art liegen müssen, somit ist vor allem den Abhärtungsversuchen, die einige Halter mit exotischen Pfleglingen vornehmen, ein Riegel vorgeschoben. Wer eine wärmebedürftige Art nicht in entsprechend geheizten Gehegen halten kann, der muss auf diese Art verzichten. Allerdings ist der Begriff Toleranzbereich hier zu schwammig, die Wortwahl Vorzugsbereich hätte hier mehr Eindeutigkeit geschaffen, denn Toleranzbereich heißt im ökologischen Sinne alles, was das Tier überlebt, dies kann nicht im Sinne tiergerechter Haltung sein.
Auch das unter anderem Tierheimen zugestanden wird, Tiere bis zu drei Monaten in nicht dem Gutachten entsprechenden Gehegen unterzubringen, ist sicherlich fragwürdig, zumal nach Ablauf der Zeit bei vielen Arten keine Vermittlung erfolgt ist und dann – mit veterinärmedizinischer Genehmigung– diese Gehege weiter genutzt werden dürfen. Heißt im Zweifel, dass ein Tier bei einem Privathalter wegen zu kleinen Geheges beschlagnahmt wird, um dann in einer Auffangstation oder einem Tierheim in einem ebensolche weiterzuleben. Dem Tier wird dadurch sicher nicht geholfen! Nun gibt es zahlreiche hervorragende Auffangstationen, die sich um ihre Pfleglinge bestens bemühen, aber gerade bei Tierheimen des Deutschen Tierschutzbundes ist die Unterbringung sogenannter Exoten nach eigenen Angaben oft schwer und wird m. E. auch nur unzureichend überprüft. Die vorliegende Formulierung trägt sicher nicht zur Besserung bei, zumal ich selber mir schon anhören musste, dass man Exoten nicht mehr an Privat abgebe. Heißt also in Konsequenz, den Tieren blüht ein Leben im Tierheim, ohne dass das Gutachten Geltung hat!
Besser gelungen ist da der Hinweis auf die Notwendigkeit eines Außengeheges. Hiermit dürfte der reinen Wohnungshaltung verschiedener Exoten ein Riegel vorgeschoben werden, dies kann letztlich nur begrüßt werden.

Haltungsansprüche
Auch die Haltungsansprüche werden im zweiten Teil des Gutachtens genauer definiert. Hierbei ist es lobenswert, dass bei sozial lebenden Arten eine Einzelhaltung ausgeschlossen wird. Dies ist vor allem nach der Modeerscheinung kleine Affenarten als Einzeltiere im Haushalt zu halten, ein wichtiger Schritt, um solche Haltungen jenseits aller Tierbedürfnisse zu beenden. Auch der Hinweis, dass begründete Einzelfälle nur nach Genehmigung durch Amtsveterinäre möglich sind, ist sinnvoll, allerdings wäre hier die zusätzliche Hinzuziehung von Zoologen und Verhaltensbiologen sinnvoll, denn mancher Amtsveterinär ist zwangsläufig mit der Verhaltensbeurteilung von Wildtieren überfordert, da sie nicht zu seinem Fachbereich zählen und er auch im Studium nicht darauf vorbereitet wurde.
Positiv zu bewerten ist auch der Hinweis im Kapitel zwei, dass Gehege artgerecht strukturiert werden müssen, um eine tiergruppenspezifische Beschäftigung zu ermöglichen. Vorbei die Zeit, in der alleine die Gehegegröße als Maßstab galt, denn dieser Zollstocktierschutz war bar jeden Realitätssinns und brachte den Tieren tatsächlich kaum eine Verbesserung.

Artenteil
Interessant wird es dann vor allem im Teil vier des Gutachtens, in dem dann die Gehegegrößen angegeben werden, erstmals dabei nicht nur die Grundfläche, sondern auch eine Mindesthöhe. Vor allem letztere dürfte bei privaten Haltern für einige Kopfschmerzen sorgen, sind doch bei den häufiger gehaltenen Wasch- und Nasenbären Gehegehöhen innen von 2,50m und außen von 3,00m vorgeschrieben. Vor allem bei der Höhe der Innengehege wird mancher Halter Umbaumaßnahmen treffen müssen. Dies gilt auch für den Bereich der Schleichkatzen, da auch hier die Mindestgehege bei Ginsterkatzen auf 2,50m festgelegt wurde. Erstaunlicherweise ist bei den ebenfalls baumbewohnenden Zibetkatzen keinerlei Gehegehöhe angegeben.
Der Artbereich orientiert sich an dem Standardwerk von WILSON & REEDER. Insgesamt scheint der Bereich gut gelungen und in Bezug auf die Gehegegrößen auch sinnvoll, dennoch gibt es im Einzelnen doch einige fragwürdige Formulierungen. So ist die Behauptung, dass die Zucht von Beutelratten in Menschenobhut eher selten gelingt, schlichtweg falsch. Zahlreiche Nachzuchten von Monodelphis domestica, Didelphis albiventris oder Philander spec. Gearde in privater Haltung widersprechen dieser Aussage. Hier zeigt sich eindeutig, dass solche Arten zwar in Privathand gehalten und gezüchtet werden, bei Zoos aber kaum eine Bedeutung haben.
Insgesamt ist aber dieses Kapitel sicherlich als das gelungenste des Gutachtens zu betrachten, auch wenn einige Geheggrößen doch etwas groß erscheinen und die Forderung, dass bei Hundeartigen das Gehege bei gewachsenem Boden die doppelte Größe der im Gutachten angegebenen Fläche haben muss, fragwürdig ist. Grund ist hier sicherlich die Sorge um die Hygiene, aber gerade bei diesen Arten, die Latrinen anlegen ist ein Kontakt mit Kot und damit eine Krankheitsübertragung ausgeschlossen, weshalb die Forderung langfristig eher dazu führen wird, dass die Tiere auf Beton gehalten werden, was sicherlich nicht im Sinne der tiergerechten Haltung sein kann. Hier ist also dringend eine Nachbesserung erforderlich, im Sinne der Tiere und zur Vereinheitlichung der Gehegebedingungen.
Tatsächlich sinnfrei ist die unterschiedliche Gehegegröße für Ziesel und Präriehunde. So dürfen Richardson Ziesel (Spermophilus richardsonii) auf einer Fläche von mindestens 4 m2 für zwei Tiere gehalten werden, während die nahezu gleichgroßen und auch in Verhalten und Ansprüchen vergleichbaren Präriehunde (Cynomys) eine Mindestfläche von 20m2 für drei Tiere benötigen. Dieser Unterschied ist weder nachvollziehbar noch sinnvoll und bedürfte mindestens einer genaueren Erklärung.
Fast schon zu klein sind die Gehegeanforderungen für Mäuseartige geraten. Hier reichen 0,3 m2 Fläche für kleine Arten wie Zwerghamster oder kleine R ennmausarten aus, 0,5m2 benötigen Steppenlemming (Lagurus lagurus), mittlere Rennmäuse wie Mongolische Rennmaus (Meriones
unguiculatus) und Stachelmäuse (Acomys), während größere Mausarten wie Persische Rennmaus
(Meriones persicus) und Fette Sandratte (Psammomys obesus) eine Mindestfläche von 0,75m2 zugesprochen bekommen. Diese Maße sind tatsächlich als absolute Mindestmaße anzusehen und werden von vielen Haltern heute schon überschritten.
Gerade an diesem Punkt zeigt sich aber ein wesentlicher Nachteil des Gutachtens, welches keinerlei Rechtsverbindlichkeit hat. So werden weiterhin im Fachhandel fast ausschließlich Gehege angeboten, die den Mindestanforderungen nicht entsprechen. Hier ist sicherlich dringender Handlungsbedarf, da es ansonsten schnell zu einer Ungleichbehandlung kommen kann. Während ein Nagerhalter, welcher auch größere Säugetiere hält und aufgrund des Gutachtens kontrolliert wird, auf die Maße des Gutachtens achten muss, können private Halter, die ihre Tiere im Wohnzimmer halten weiterhin Gehege aus dem Fachhandel verwenden, ohne dass dies jemals auffällt. Diese mögliche Ungleichbehandlung kann nicht im Sinne der Idee sein, die hinter dem Gutachten steht. Hier ist also ebenfalls dringend Handlungsbedarf.

Keine Rechtsverbindlichkeit
Überhaupt ist die fehlende Rechtsverbindlichkeit ein großer Knackpunkt des Gutachtens und der weiterhin für Rechtsunsicherheit bei Haltern sorgt. So obliegt es weiterhin dem Gutdünken der Veterinärbehörde bei der Gehegeabnahme die Vorgaben des Gutachtens als Grundlage zu wählen oder darüber hinaus gehende Forderungen zu stellen. Auch eine Unterschreitung des Gutachtens ist in Absprache mit den Veterinärbehörden möglich, was der Willkür Tür und Tor öffnet. So ist eine zoologische Einrichtung sicherlich in einer besseren Position in der Argumentation mit Amtsveterinären als ein privater Halter. Heißt dies, dass im Zweifel bei einem Zoo ein Auge zugedrückt wird, während der Privathalter sich nur ganz eng innerhalb des Gutachtens bewegen darf. Zahlreiche Äußerungen von Amtsveterinären, denen private Exotenhaltung ein Dorn im Auge ist, lassen Ähnliches befürchten. Dies ist auch nur zu verständlich, geraten doch auch Amtsveterinäre immer stärker unter den Druck von Tierschützern und –rechtlern, sodass vor allem die auch in den Augen der breiten Bevölkerung ungeliebten Privathalter als erstes die volle Härte zu spüren bekommen werden. Bleibt abzuwarten, was passiert, wenn sich der erste Halter gegen Anordnungen der Behörden mit dem Hinweis auf fehlende Rechtsverbindlichkeit des Gutachtens gerichtlich wehrt.
Ein solcher Zustand kann nicht im Sinne beider Parteien sein, weder der Veterinäre, noch der Halter.

Ein fragwürdiger Anhang
Eine weitere Ungereimtheit des Gutachtens findet sich im Anhang, Hier sind die Tierarten aufgeführt mit weniger hohen Anforderungen an die Betreuung und Pflege. Dass hierzu komplett alle Schalenwildarten gehören ist zumindestens überdenkenswert, noch merkwürdiger dann im Anhang aufgeführte Artenliste. So werden hier sechs Rennmausarten genannt, weshalb hier nicht alle Rennmausartigen aufgeführt werden ist unklar, zumal die sicherlich heikelste aller Arten, die Sandratte (Psammomys obesus) aufgeführt wird. Hier wäre es sinnvoll gewesen, ebenso wie bei den Hamstern zu verfahren, die pauschal als Gruppe aufgeführt werden. Warum an dieser Stelle Meerschweinchen und Kaninchen aufgeführt werden, obwohl diese domestizierten Arten vom Gutachten überhaupt nicht erfasst werden, ist ebenfalls rätselhaft.
Absolut unverständlich ist aber die Nennung des Kurzohr-Rüsselspringers (Macroscelides proboscideus) in diesem Bereich, stellt diese Art doch durchaus höhere Ansprüche an Pflege und Haltung.
Gerade dieser Anhang zeigt, wie wichtig es wäre, private Halter stärker in die Erarbeitung des Gutachtens einzubinden, denn gerade Nager und kleine Insektenfresser spielen in Zoos keine große Rolle, weshalb sich der Fokus nicht auf sie richtet. Da sie aber im Gutachten erfasst werden, sollten sie auch durch ausreichende Sachkenntnis vertreten werden und diese liegt nun mal in den Händen der privaten Halter. Bleibt zu hoffen, dass dies bei einer Überarbeitung bedacht wird und eine Blockadehaltung von Tierschützern vor allem der privaten Tierhaltung gegenüber nicht die Erarbeitung eines allen Tiergruppen gerecht werdenden Gutachtens verhindert.

Literatur

BUNDESMINISTERIUM FÜR ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT (BMEL)(2014): Gutachten über Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren. – Berlin.

WILSON, D.E. & REEDER, D.M. (2005): Mammal Species of the World. A Taxonomic and Geographic Reference (3rd ed). – Johns Hopkins University Press.